Es bricht mir das Herz, wenn jemand sagt: „Ich würde so gerne malen, aber ich kann das nicht.“
Meist folgt ein Beweis: „Hat schon meine Kindergärtnerin gesagt.“ oder „Ich scheitere schon an einem Strichmännchen.“
Was ich höre, ist ein Wunsch. Eine Sehnsucht, die zurückgedrängt wird – durch die Erwartung an ein Resultat, ein perfektes Bild. Aber seien wir ehrlich: Jeder, der einen Pinsel halten, ihn in Farbe tunken und einen Abdruck machen kann, malt bereits. Easy. Das ist schon alles. Das ist Malen. Also: Was gibt es da nicht zu können?
„Ja klar, Tanja,“ sagst du jetzt vielleicht, „ich kann ein bisschen Farbe hinschmieren, aber das sieht dann aus wie im Kindergarten!“
Ja, vielleicht tut es das. Vielleicht wirkt es kindlich, intuitiv, vielleicht monoton, vielleicht endet alles in Matschbraun. Ich verstehe, dass dieser Gedanke im Erwachsenengehirn Unbehagen auslöst. Auch in meinem. Aber ist das wirklich relevant? Können wir uns erlauben, das loszulassen – für einen Moment mal nichts können zu müssen, sondern einfach nur zu spielen?
Ich sage nicht, dass es nichts über Malerei zu lernen gäbe. Natürlich gibt es das. Aber um zu beginnen, reicht ein Pinsel, Farbe, Papier – und die Neugier auf den Prozess. Wenn du dir nicht das Ziel setzt, ein tolles Gemälde zu erschaffen, sondern dir erlaubst, im Prozess frei zu sein, dann liegt die Freude im Weg, nicht im Endergebnis.
Statt vom Bild rückwärts zu denken, folge deinen Vorlieben:
Welche Farben ziehen dich an, lassen dich lächeln?
Welche passt zu deinem Gefühlszustand?
Welche Formen magst du – rund, eckig, chaotisch?
Liebst du langsame, bewusste Pinselstriche oder fühlst du dich lebendig, wenn es krachend, krakelig, wild wird?
Und kannst du dir erlauben, auch mal das Gegenteil zu machen – nur um zu sehen, wie sich das anfühlt?
Malen kann ein Dialog mit dir selbst sein. Erlaube dir, es als Selbsterfahrung zu sehen. Erlaube dir, neugierig zu beobachten, was in dir passiert. Erlaube dir auch, ein „schlechtes“ Ergebnis zu haben – weil es nie um das Ergebnis ging.
Wir können beim Malen so viel über uns lernen:
– Wer wir gerade sind.
– Wie viel Kontrolle wir bereit sind loszulassen.
– Wo Ängste auftauchen – und wie wir trotzdem weiterforschen.
– Wie sehr wir uns erlauben, dass etwas einfach nur Freude bringt.
Das Schlimmste, was passieren kann? Ein Blatt Papier mehr im Müll.
Das Beste? Du begegnest dir selbst.
Lade deine Neugier ein. Male durch die Augen eines Kindes. Benutze, was immer du findest: Äste, Schwämme, Siebe, Blätter, Fäden. Schreib ein Wort groß aufs Blatt – und übermale es wieder. Alles ist möglich: drucke, kritzle, male, übermale. Hier kann dir nichts passieren. Du bist sicher.
Solltest du diese Sehnsucht in dir tragen, diese kleine Stimme, die flüstert „ich möchte…“ (Steine bemalen, Herbstsachen kleben, Pflanzen pressen, Gedichte schreiben) – dann gib dir heute die Erlaubnis, es zu tun. Nicht mehr, als dir selbst neugierig zu begegnen.
Und wenn du dich getraut hast, erzähl mir davon. Ich würde zu gerne wissen, was du ausprobiert hast – und wie es sich angefühlt hat.
Hab Spaß, beautiful soul.
