Meine Mutter sagt oft kopfschüttelnd: „Du musst auch immer alles ausprobieren!“. Und ich muss lächeln, weil es stimmt. Der Tag, an dem ich aufhöre, Neues auszuprobieren, keine Neugierde mehr in mir trage, ist der Tag, an dem ich diesen Ort verlasse. Neues auszuprobieren ist mein Lebenselixier. Es bringt mir Freude, es ist spannend, für mich ganz natürlich, und ich bin mir sicher, es ist in meine DNA eingraviert. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum ich schreibe, über was ich schreibe: damit sich der ein oder andere anstecken lässt, hin und wieder neue Blickwinkel auszuprobieren, neue Gefühle „anzuziehen“, etwas Unbekanntes zu essen, ein Heilversprechen von einem Produkt zu testen oder einfach links abzubiegen, obwohl der Weg nach Hause geradeaus geht.

Tage, an denen ich mir erlaube, entgegen aller Vernunft und Prioritäten Neues zu erfahren, strecken sich in die Länge, füllen sich mit Farbe, werden nicht verschluckt von der Gleichförmigkeit des Alltags. Sie bringen dieses Glitzern in meine Augen, das ich von innen spüren kann. Oft ist der Auslöser ein „Problem“, für das ich einen neuen Lösungsweg suche, der der Neugierde Richtung gibt. Und ebenso oft ist es einfach ein brummendes Bauchgefühl, das sagt, „mmmh oh ja, das möchte ich mal ausprobieren!“. Gefällt es mir, dann wiederhole ich es vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht war einmal Eintauchen alles, was ich jemals brauchte. Und falls meine Neugierde mich dazu gebracht hat, etwas zu tun, was mir gar nicht gefällt, dann lasse ich es wieder los. Sofort. Nicht am Ende eines Kurses, sondern sobald ich es weiß.

Von außen wirkt das chaotisch. All-over the place. Inkonsequent. Und von innen manchmal auch, aber es ist yummy, lebendig und aufregend.

An Tagen, an denen meine Filter auf schwarz-weiß geschaltet sind und sich Sorgen in meinem Kopf stapeln, macht mein Freund etwas Entzückendes. Auf dem Heimweg biegt er urplötzlich anders ab. Schon da kommt mein Lächeln zurück. Er fährt so langsam, wie der Verkehr es zulässt, durch das unbekannte Viertel, damit ich alles aufsaugen kann. 99 % der Male holt mich das aus meinem Loch heraus. Wirklich schön, wenn man so wahrgenommen und gesehen wird.

All das erinnert mich an eines meiner Lieblingsbücher als Kind, „Frederick“ von Leo Lionni (1967). Während alle Feldmäuse im Sommer eifrig und unermüdlich Vorräte für den Winter sammeln, scheint Frederick nichts Produktives zu tun. Er sammelt Wörter, Farben und Sonnenstrahlen. Und als im grauen Winter alle Vorräte verzehrt sind, teilt er all die tollen Eindrücke und füllt seine Freunde mit Freude. So oder so ähnlich. Entzückend illustriert und jetzt, wo ich so nachdenke, war es wohl kein Zufall, dass gerade dieses Buch mich angesprochen hat und mir bis heute in Erinnerung geblieben ist.

Im Leben hat beides seine Berechtigung: fokussierte Produktivität und outcome-befreites Erkunden der Welt.

Falls dein Leben meist programmiert ist auf Pflichterfüllung, dann lade ich dich heute ein, aus der Routine auszubrechen. Nur für einen kleinen Moment. Übergib deiner Neugierde die Führung und tue etwas, von dem du nicht weißt, wie es sein wird, sich anfühlt, anhört oder aussieht. Und sei es, dass du „nur“ in eine Straße gehst, in der du noch nie warst, etwas isst oder trinkst, was du nicht kennst, oder dieser leisen Sehnsucht nachgibst, die oft im Hintergrund flüstert: „… ich wollte schon immer einmal nackt baden, in der Nacht die Sterne beobachten, im Morgengrauen auf einen Berg steigen, eiskalt duschen, Farbe auf Leinwand schmieren …“

Warte nicht auf irgendwann. Heute ist der Tag!

Teile in den Kommentaren, was dir begegnet ist, wie du dich gefühlt hast, und was es in dir geöffnet hat.
Ich bin so neugierig, zu hören, was du erlebt hast.

Passend dazu:

BUCHEMPFEHLUNG:
Frederick von Leo Lionni
Kinderbuch