Als ich Human Design das erste Mal begegnet bin – so um 2008 – war dieses esoterische Werkzeug zur Selbsterkenntnis noch relativ jung. Ich war vom ersten Moment an fasziniert, bin Hals über Kopf eingetaucht und habe jede Info zu meinem Bodygraphen aufgesogen. Es fühlte sich an, als hätte mir jemand die Schatzkarte zu meinem eigenen Schatz in die Hand gedrückt. Gleichzeitig war ich zwiegespalten. Die Essenz von Human Design – das, was darunter liegt – war für mich glasklar wahr. Aber die menschliche Übersetzung, die Worte, der Vibe, in dem es vermittelt wurde, passten für mich irgendwie nicht dazu. In meinem Reading und in Ra Uru Hus Büchern klang vieles streng, mental, fast dogmatisch. Nach dem Motto: „Das steht in deinem Chart, also bist du so.“ Das fühlte sich an wie eine kleine Kiste, in die ich mich zwängen sollte. Und das bin nicht ich. Nicht ich muss in eine Methode passen – ich passe sie an mich an. Ich nehme, was hilfreich ist, und lasse los, was sich nicht stimmig anfühlt. Vielleicht lag es an der Art, wie meine Bekannte es weitergegeben hat. Vielleicht an Ra Uru Hu selbst. Vielleicht war es einfach zu früh für mich.

Mit den Jahren ist Human Design durch mehr Hände und Herzen gegangen, wurde neu interpretiert und ist  in meiner Wahrnehmung sanfter und weiter geworden. Und seine Faszination hat mich nie verlassen. 

Ich konnte vielen Aspekten begegnen, die für mich wahr sind. Die es tatsächlich in mir drin gibt. Andere Potenziale bleiben nach wie vor unsichtbar oder halten sich im Hintergrund. – und das ist okay.

Was mir HD aber ohne Zweifel beigebracht hat: Wir sind viel unterschiedlicher, als wir meinen.

Es gibt nicht nur fünf Typen – Manifestor, Generator, Manifesting Generator, Projektor, Reflektor, sondern auch neun Zentren, 64 Tore mit je sechs Linien, 36 Kanäle. Das allein ergibt schon unzählige Varianten. Dazu die unterschiedlichsten Einflüsse durch Familie, Kultur, Orte, Schicksalsschläge, Privilegien, Traumata etc. Wie könnten wir da jemals annehmen, gleich zu sein?

Diese Erkenntnis hat mich sanfter gemacht im Blick auf andere. Aber sie reizt doch auch meine rebellische Seite: Ich will hinausschreien, dass Gleichmacherei der Vielfalt nicht gerecht wird. Systeme, die Konformität verlangen, schneiden uns von Potenzialen ab, die Raum bräuchten, um wild und schön zu wachsen. Am meisten schmerzt es mich bei Kindern, deren Einzigartigkeit nicht gefeiert wird, sondern erstickt – die erst später mühsam wiederfinden müssen, was immer schon in ihnen war.

Wie können wir erwarten, dass alle Kinder im selben Schulsystem aufblühen? Dass ein offenes Großraumbüro für alle produktiv ist? Dass eine einzige Lernmethode jeden erreicht? Strategien, die für den einen glasklar funktionieren, können für den anderen komplett ins Leere laufen.

Und doch: Es ist kostbar, Menschen zu treffen, die uns ähneln. Sie sind Spiegel, die uns bestätigen, uns sicher fühlen lassen, uns an unsere eigene Schönheit erinnern und unsere Potenziale verstärken. Genauso kostbar ist es, jenen zu begegnen, die völlig anders ticken. Sie öffnen Türen, von denen wir nicht wussten, dass sie existieren. Durch ihre Fremdheit lernen wir neue Lebenskonzepte, Handlungswege, Lösungen kennen – denen wir sonst niemals begegnet wären.

Wenn wir Unterschiede als Bereicherung sehen, entsteht eine Welt, in der persönliche Entfaltung nicht nur möglich ist, sondern selbstverständlich: du darfst du sein, und ich darf ich sein – und genau darin liegt der Zauber einer bunten, lebenswerten Welt.